In Little Holland
[Mai, 2023] Im Nordsaarland nahe Losheim, liegt der Campingplatz Landgut Girtenmühle. Ein beliebter Urlaubsort für Gäste aus der Niederlande oder Saarländer, die einen Heimaturlaub verbringen wollen. Die idyllische Lage trügt, denn in wenigen Studen startet hier ein Festival. Es ist Donnerstag und die letzten Stunden vor dem offiziellen Start des Festivals haben begonnen. Das Festival geht über das gesamte Vatertags-Wochenende. Einen Tag lang darf ich die Besitzer durch die letzten Vorbereitungen begleiten.
„Jetzt geht es wieder LosLosLosheim“ ist der Titel der diesjährigen Ausgabe. Der Titel gliedert sich ein in die Titel „Alle Bremsen-; Alle Leinen- und Alle Schrauben LosLosLosheim“ ein. Erste Gäste, enge Freunde und Familienangehörige sind schon im Laufe der Woche angereist. Inoffiziell wird bereits gefeiert, denn die ersten Getränke werden schon gekauft und im Hintergrund läuft groovy House-Musik. Noch ist es Vormittag und die Sonne scheint angenehm warm auf den Campingplatz, während einige Wolken vorbeiziehen. Perfekte Bedingungen also, um es wieder losgehen zu lassen.
Als wir einen Kontrollgang über den Parkplatz machen, fallen mir die fast ausschließlich gelben Nummernschildern ins Auge. Auf meine Anmerkung antwortet einer der Besitzer, Vincent: „Ich schätze ein Viertel der Gäste sind deutsch, der Rest kommt den weiten Weg aus den Niederlanden.“ Er als waschechter Amsterdamer muss es wissen. Im Smalltalk mit Gästen ist folglich mein erster Reflex Englisch zu sprechen, denn die meiste Zeit liegt man damit goldrichtig. Alles in allem läuft die Verständigung zwischen den Nachbarnationen gut, wenn auch nicht immer ohne Fauxpas. Die Gesprächspartnerinnen und -partner sind allesamt herzliche und weltoffene Menschen. Bewegt man sich weg vom Parkplatz und hin zum Haupthaus und der Terrasse, findet man sich in einem Little Holland wieder, mitten in der saarländischen Peripherie.
Vor rund sechs Jahren kam neben Vincent auch Gidi und vier weitere Niederländer aus Amsterdam nach Deutschland, um an der Zwangsversteigerung des Campingplatzes Girtenmühle teilzunehmen. Die Versteigerung war ihre Chance: Sie erwarben das Grundstück samt Haus und Hof – und der angrenzenden Natur und einem kleinen Bachlauf. Während der Hochsaison, in den Sommermonaten ist der Platz komplett ausgebucht. Von routinierten Campern und Gelegenheits-Zeltern. Der reguläre und doch recht lukrative Betrieb wird über die gesamte Dauer des Festivals pausiert, denn es werden insgesamt über 500 externe Festival-Gäste erwartet.
Als wir unsern Rundgang beenden und auf der Terrasse landen ist es bereits Mittag. Direkt vor der Außen-Bar ist sie, die Terrasse mit Sitz-Gelegenheiten aus Paletten und gepolsterten Rattan-Stühlen. Hier, unter einem großen Walnussbaum, geschmückt mit Lichterketten, komme ich mit einem Gast ins Gespräch. Marijn ist auch aus Amsterdam angereist. Der Mitt-Zwanziger erklärt mir, dass er seine Schicht in der Bar absolviert. Ein Gast, der arbeitet? Verrückt. Gidi hilft mir auf die Sprünge: „Ohne die Hilfe der Gäste und Freude, wäre das Festival in diesem Ausmaß für uns nicht möglich gewesen.“ Vorab musste man sich bei der Bestellung der Festival-Karten für eine Schicht eintragen. Entweder beim Frühstück, am Getränkestand oder an der Kasse. Gidi fährt fort, „Gleichzeitig bleiben die unangenehmen Gäste weg, die betrunken Sachen zerstören oder Leute anpöbeln. Das Festival ist ein Safe-Space und das soll es auch bleiben.“ Eine geschickte Subvention und eigebauter Schutzschild also. Auf den zweiten Blick wirkt das Konzept auf mich nicht mehr ganz so unkonventionell. Den Freiwilligen kommt ein großes Vertrauen zu. Außerdem lernen sich die Gäste während ihrer Schichten kennen, was auch ins Konzept passt. Bei keinem der Work-and-Party-People wirkt es aber so, als würden sie wirklich schuften. In Gesprächen mit Gidi und dessen guten Bekannten bekomme ich mit, dass während bei ihnen während der Studienjahre die größten Partys organisiert und gefeiert wurden. Hier hat sich der Veranstaltergeist bereits bemerkbar gemacht.
Die Luft kühlt leicht ab und die Sonne beginnt ihre Kraft zu verlieren, der Nachmittag bricht herein. Ich verlasse mit den Beiden die Terrasse auf einem vor langer Zeit geteerten Weg, vorbei an der Sanitäranlage. Unser Ziel ist die Feuerplatzbühne, in Richtung der Zelte.Der Campingplatz verteilt sich auf mehrere Ebenen. Die vielen Hecken und Bäume schützen den Ort vor äußeren Einflüssen. Der durchweg grüne Zeltplatz erstreckt sich entlang eines Baches am Waldesrand, ein Stück unterhalb des Hauptgebäudes. Auf dem Weg dorthin laufen wir an einigen Food Trucks, Schmuckständen und einer sehr chilligen Chill-Out-Area vorbei. Das alles gliedert sich in die Menge der VW-Bullis und Wohnwägen ein. Ein wahrer Mikrokosmos, geschaffen von einer Menschenmasse ganz individueller Personen. Insgesamt gibt es drei Bühnen: die „Wunder Stage“ auf der Terrasse, die „Garten Stage“ hinter dem Gebäude und die „Feuerbühne“ im bewaldeten Abschnitt des Campingplatzes, na klar, unweit der Feuerstelle. Dort kann man sich im Kreis um das Lagerfeuer niederlassen und zusammensitzen. An den folgenden Abenden werden einem hier auch noch in der Nacht akustische Live-Auftritte geboten, mit einem eher ruhigeren Unterton. Der Headliner dieses Jahres eine holländische Ska-Band, namens „The Droeftoeters“. Die Lieblingsband von Vincent, wie er mir verrät. Etwas entgegen des restlichen Line-Up steht das aber schon. Der Großteil der Künstler ist aus der Techno-Szene: House, Psy-Trance, Goa und Kellertechno. Eins steht fest, die Fülle an Künstlern und deren Programme können sich sehen lassen.
Bei unserem Rundgang halten wir an der „Feuerbühne“, weil wir dort Michael treffen, den hauseigene Tontechniker und guten Freund der beiden Niederländer. Als ich ihm gegenüberstehe, betrachtet er – mit einem Schmunzeln im Gesicht und den Armen auf den Hüften – seine „Feuerbühne“. Auf der Stage wird in weniger als zwei Stunden Psy-Trance aufgelegt. Michael tut Kund „Es ist so geil, dass es wieder losgeht. Später die Freude zu spüren und den DJs eine geile Show zu ermöglichen.“ Als Außenstehender bin ich beeindruckt von der Anlage und insbesondere von der aufwändigen Dekoration. Neonfarbene und leuchtende Quallen aus Pappmaschee hängen in der Luft. Die Bühne drumherum erinnert an ein Nest, mit Ast-Verstrebungen. Mitten auf der Tanzfläche befindet man sich unter einem Tarp, welches auch die bunten Quallen schützt. Von unten leuchtet eine Diashow von Sternen das kleine Firmament. Der kleine Hain an der „Feuerbühne“, in dem man sich hier befindet, erstrahlt dadurch fast schon magisch.
Eine entzaubernde Frage werde ich nicht aber bei dem Gedanken an die mächtige Anlage aber nicht los: Wie verhält es sich mit der Lärmbelästigung im Umkreis? Micheal erklärt auf die doch berechtigte Frage, dass die Anwohner informiert wurden und zum Festival eingeladen wurden. Falls das nicht reichen sollte, meint er: „Ab 23 Uhr wird hier auf Silent-Disco umgeschaltet, auch oben die Wunder-Stage schaltet dann ab. Wir gehen dann in den Keller, da geht’s bis 6 Uhr morgens weiter. Die Anwohner kennen die Tücken schon, deswegen mache ich mir darüber keine Gedanken.“ Zurück am Haupthaus, hat sich die Terrasse beachtlich gefüllt. Der Campingplatz wird immer lauter und hektisch vor Vorfreude, die förmlich in der Luft liegt. Über den gesamten Platz bilden sich mal größere, mal kleinere Menschentrauben. Nun wandern die gekühlten Getränke im Akkord über die Theke. Ganz unwillkürlich bewegt sich die Menschenmenge in Richtung der „Wunder-Stage“. Die Uhr zeigt mir 18:00 an und Opener-DJ betritt, pünktlich zur offiziellen Eröffnung, die Bühne auf der Terrasse. Die Menge tobt und die Bässe wummern durch das Tal. Durch den Mai-Abend gleitet die neonfarbene Lichtershow. Die Freude aller Anwesenden ist zu spüren. Die Vorbereitungen sind geglückt und jetzt geht das Festival wieder losloslos.
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