Finale Stunden der Festivalvorbereitungen

In einem verschlafenen Örtchen im Nordsaarland namens Britten, liegt der Campingplatz Landgut Girtenmühle. Die Idylle trügt, denn in wenigen Studen startet hier ein Festival. Einen Tag lang darf ich Gidi und Vincent durch die Vorbereitungen begleiten. Das Festival geht über das gesamte Vatertags-Wochenende. Es ist Donnerstag und die letzten Stunden vor dem offiziellen Start des Festivals haben begonnen.

„Jetzt geht es wieder LosLosLosheim“ ist der Titel des diesjährigen Festivals. Es gliedert sich zu den Titeln Alle Bremsen-; Alle Leinen- und Alle Schrauben LosLosLosheim ein. Erste Gäste, enge Freunde und Familienangehörige sind schon im Laufe der Woche angereist. Inoffiziell werden schon Getränke verkauft und im Hintergrund läuft House-Musik. Es ist Vormittag und die Sonne scheint angenehm warm auf den Campingplatz, während einige Wolken vorbeiziehen -perfekte Bedingungen.

Als wir über den Parkplatz schlendern fallen mir die fast ausschließlich gelben Nummernschildern ins Auge. Auf meine Anmerkung antwortet Vincent: „Ich schätze ein Viertel der Gäste sind deutsch, der Rest kommt den weiten Weg aus den Niederlanden.“. Wenn wir mit den Gästen Smalltalk führen, ist mein erster Reflex Englisch zu sprechen, denn die meiste Zeit liegt man damit goldrichtig. Die Verständigung zwischen den Nationen läuft gut, wenn auch nicht immer ohne Fauxpas. In den Gesprächen trifft man auf herzliche und weltoffene Menschen. Ein Little Holland, mitten in der saarländischen Peripherie.

Vor rund sechs Jahren kam eine kleine Gruppe Holländer aus Amsterdam nach Deutschland, um an der Zwangsversteigerung um die Girtenmühle teilzunehmen. Die Versteigerung war ihre Chance: sie erwarben das Grundstück samt Immobilien. Während der Hochsaison in den Sommermonaten ist der Platz komplett ausgebucht. Der reguläre Betrieb wird über die gesamte Dauer des Festivals ausgesetzt, denn es werden insgesamt über 500 Festival-Gäste erwartet.

Mittlerweile ist es schon Mittag. Wir befinden uns auf der Terrasse, direkt vor der Außen-Bar. Möbliert ist die Terrasse mit Sitz-Gelegenheiten aus Paletten und gepolsterten Rattan-Stühlen. Hier, unter einem großen Walnussbaum geschmückt mit Lichterketten, komme ich mit einem Gast ins Gespräch. Marijn ist auch aus Amsterdam und Mitte Zwanzig. Er erklärt mir, dass er seine Schicht in der Bar absolviert. Ich muss kurz stutzen. Ein Gast, der arbeitet? Verrückt. Gidi bringt mir das Konzept näher: „Ohne die Hilfe der Gäste und Freude, wäre das Festival in diesem Ausmaß für uns nicht möglich gewesen.“ Vorab musste man sich bei der Bestellung der Festival-Karten für eine Schicht eintragen. Entweder beim Frühstück, am Getränkestand oder an der Kasse. Gidi führt weiter aus, „Gleichzeitig bleiben die unangenehmen Gäste weg, die betrunken Sachen zerstören oder Leute anpöbeln. Das Festival ist ein Safe-Space und das soll es auch bleiben.“ Ein eigebauter Defensiv-Mechanismus also. Die Gäste lernen sich außerdem während ihrer Schichten kennen. Es wirkt bei keinem, als würde wirklich schuften. Auf den zweiten Blick wirkt das Konzept auf mich durchdachter. Den Freiwilligen kommt ein großes Vertrauen zu. In Gesprächen mit guten Bekannten von Gidi bekomme ich mit, dass während der Studienjahre, bei ihnen die größten Partys organisiert wurden. Hier hat sich der Veranstaltergeist schon vor langer Zeit bemerkbar gemacht.

Die Sonne verliert ihre Kraft und die Luft kühlt leicht ab, der Nachmittag bricht herein. Ich verlasse mit den Beiden die Terrasse auf einem geteerten Weg, vorbei an der Sanitäranlage. Der Campingplatz verteilt sich auf mehrere Ebenen. Die vielen Hecken und Bäume schützen den Ort vor äußeren Einflüssen. Unser Ziel ist die Feuerplatzbühne, in Richtung der Zelte. Der durchweg grüne Zeltplatz erstreckt sich entlang eines Baches am Waldesrand, ein Stück unterhalb des Hauptgebäudes. Auf dem Weg dorthin laufen wir an einigen Food Trucks, Schmuckständen und einer Chill-Out-Area vorbei. Das alles gliedert sich in die Menge der VW-Bullis und Wohnwägen ein. Ein Mikrokosmos geschaffen von einer Menschenmasse. Insgesamt gibt es drei Stages: die Wunder Stage auf der Terrasse, die Garten Stage hinter dem Gebäude und die Feuerbühne im bewaldeten Abschnitt des Campingplatzes, unweit der Feuerstelle. Dort kann man sich im Kreis um das Lagerfeuer niederlassen und zusammensitzen. An den folgenden Abenden werden einem hier akustische Live-Auftritte geboten, mit einem eher ruhigeren Unterton. Der Headliner dieses Jahres eine holländische Ska-Band, namens The Droeftoeters. Die Lieblingsband von Vincent, wie er mir verrät. Dies steht entgegen dem restlichem Line-Up. Dies besteht im Großteil aus Techno-DJs: House, Psy-Trance, Goa und Kellertechno. Die Fülle an Künstlern und deren Programme können sich sehen lassen.

Bei unserem Rundgang halten wir an der Feuerbühne. Dort treffen wir Michael. Er ist der hauseigene Tontechniker und seit sechs Jahren ein guter Freund der beiden Holländer. Als ich ihn anschaue, betrachtet er -mit einem Schmunzeln im Gesicht und den Armen auf den Hüften- die Feuerbühne-Stage. Hier wird heute Abend Psy-Trance aufgelegt. „Es ist so geil, dass es wieder losgeht. Später die Freude zu spüren und den DJs eine geile Show zu ermöglichen.“ Mich beeindruckt die Anlage und die Dekoration. Neonfarben und leuchtende Quallen aus Pappmaschee hängen in der Luft. Die Bühne an sich erinnert an ein Nest, mit Ast-Verstrebungen. Auf der Tanzfläche befindet man sich unter einem Tarp, welches mit einer Diashow von Sternen ausgeleuchtet wird. Der kleine Hain, in dem man sich hier befindet, erstrahlt dadurch magisch. Eine Frage werde ich nicht los, wie es sich mit der Lärmbelästigung im Umkreis verhält. Micheal erklärt mir, dass die Anwohner informiert und zum Festival eingeladen wurden. „Ab 23 Uhr wird hier auf Silent-Disco umgeschaltet, auch oben die Wunder-Stage schaltet dann ab. Wir gehen dann in den Keller, da geht’s bis 6 Uhr morgens weiter. Die Anwohner kennen die Tücken schon, deswegen mache ich mir darüber keine Gedanken.“ So langsam füllt sich der Campingplatz immer mehr und es wird hektischer. Die Vorfreude liegt in der Luft. Es bilden sich über den gesamten Platz einzelne Menschentrauben und die gekühlten Getränke fließen. Langsam, aber sicher bewegen sich die Massen in Richtung der Wunder-Stage. Die Uhr zeigt mir 18:00 an und Opener-DJ betritt, pünktlich zur offiziellen Eröffnung, die Bühne auf der Terrasse. Die Menge tobt und die Bässe wummern durch das Tal. Durch den Mai-Abend gleitet die neonfarbene Lichtershow. Die Freude aller Anwesenden ist zu spüren. Die Vorbereitungen sind geglückt und das Festival startet.

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